Musikalische Traditionen Nordnigerias im Wandel der Zeit

Medinat Adeola Abdulazeez

Die musikalischen Kulturen Nordnigerias haben historischen Perioden der Kolonisierung und des religiösen Wandels standgehalten. In den vergangenen Jahren hat die wachsende Filmindustrie und die Möglichkeiten der elektronischen Musikproduktion viele Musiker inspiriert, althergebrachte Genres neu zu interpretieren. Nordnigerianische Popmusik zirkuliert im Internet und liefert den Soundtrack für die nordnigerianische Filmindustrie. Doch diese kulturellen Innovationen empfinden grosse Teile der konservativen und muslimischen Bevölkerung Nordnigerias auch als Angriff auf ihre Vorstellungen von Moral und Religiosität. In seiner extremsten Form führt der gesellschaftliche Diskurs darüber, welche musikalischen Praktiken für gläubige Muslime akzeptabel sind, zu den gewaltsamen Angriffen auf Musiker durch die Terrormiliz Boko Haram. Ihnen gelten Musiker, mit ihrem tief in vor-islamischen Traditionen verwurzelten kulturellen Wissen, als Feinde ihrer Vorstellung eines „Islamischen Staates“.

Ein Set Kalangu-Trommeln aus Nordnigeria, Sammlung Ulli Siebenborn / drummuseum.com
Foto © Völkerkundemuseum der Universität Zürich (Kathrin Leuenberger) 2019

Die Musik der Hausa-sprechenden Bevölkerungen Nordnigerias wurde mit einem eigenen Instrumentarium gespielt. Die sanduhr-förmige Kalangu ähnelt den sprechenden Dùndún-Trommeln der Yorùbá Südwest-Nigerias. Die Ganga ist eine weite zweifellige Trommel. Neben solchen Trommeln werden auch Blasinstrumente gespielt, wie die trompetenähnliche Kakaki oder das Doppelblattinstrument Algaita, sowie Saiteninstrumente wie die Goje und die Kuntigi Laute. Trommeln werden in der Regel von Männern gespielt. Ein wichtiges Rhythmusinstrument der Frauen hingegen ist die Shantu, ein langer ausgehöhlter Kalebassenkürbis. Durch eine ausgeklügelte Schlagtechnik, bei der das offene Ende des Kürbis auf die Oberschenkel abgesetzt wird, und gleichzeitig mit den Fingern gegen den Kürbis geschlagen wird, erzeugen die Frauen komplexe rhythmische Muster mit einer grossen klanglichen Bandbreite.

Ein Teil der traditionellen Musik der Hausa wird an den Höfen der Herrscher gespielt. Lobeslieder für den Sarki (König) und die Würdenträger an seinem Hof werden beispielsweise bei Audienzen und Durbar-Festivals gesungen. Bei Durbar-Festivals zeigen Herrscher die Insignien ihrer Macht und ihre Pferde.  Die sie begleitenden Musiker spielen ihre Lobeslieder, zitieren ihre Biographie und heben ihre guten Taten und Charaktereigenschaften hervor. Solche Feste werden zu wichtigen politischen Ereignissen abgehalten, wie zur Inthronisation eines Königs. Seit der Islam im 19. Jahrhundert zur wichtigsten Religion in Hausaland wurde, finden Durbars auch an muslimischen Feiertagen statt.

Wenn Musiker die Lobgesänge spielen, werden sie mit Geschenken und Geld bezahlt. Aus diesem Grund nennt man einen Musiker auf Hausa auch etwas herabwürdigend Maroki (Bettler).

Mamman Shata: Lafiya Zaki

Unter dem Einfluss des Islam und später der kolonialen Eindringlinge schwand die Macht der Sarkis. Viele Musiker erschlossen sich neue Betätigungsfelder ausserhalb der Königshöfe. Neben ihrer Arbeit für die Würdenträger spielen sie heute ihre Musik auch zu wichtigen familiären und gesellschaftlichen Anlässen, wie Hochzeiten, Namensgebungszeremonien und auch an politischen Anlässen.

Vor der Unabhängigkeit Nigerias 1960 waren einige der wichtigsten Musiker Nordnigerias Mamman Shata, Dan Kwairo und Dan Marayan Jos. Die Lieder von Shata handelten von Politik und dem Leben in Hausaland. Seine Lobgesänge wurden von Chören und den Rhythmen der Kalangu begleitet.

Die Musik Nordnigerias wurde durch die wachsende Hausa Filmindustrie stark beeinflusst. Viele Filmproduktionen von Kannywood, nach der nordnigerianischen Stadt Kano benannt, sind von den ausgiebigen Tanz- und Singeinlagen der indischen Bollywood-Produktionen inspiriert. Zu Aufnahmen sogenannter Nanaye-Musik tanzen sowohl männliche wie weibliche Schauspieler, die synchron zur Musik ihre Lippen bewegen.

Der Song Baban Gari aus dem gleichnamigen Film.

Kannywood-Stars wie Adam A Zango, Ali Jita oder Naziru Muhammad bauten auf ihren Gesangseinlagen in Filmen ihre Karrieren als Musiker. Aus ihren Hits entwickelte sich ein neues Hausa Pomusik-Genre, das von elektronischen Klängen geprägt ist. Auch in den nördlichen Bundestaaten Nigerias, in denen nicht vorwiegend Hausa gesprochen wird, wie in Teilen Kadunas, in Jos oder Benue, ist Hausa Pop das dominante populäre Musikgenre. Dort inspirierte die Musik prominente Rapper und Sänger wie 2face Idibia, MI Abaga, Ice-Prince Zamani, Jesse Jags, Classic-Q oder Morell.

Naziru Muhammad ‘Mata Ku Dau Turame’

Im konservativ-religiösen Nordnigeria werden alle Aspekte des Lebens vom Islam bestimmt, und Musik ist keine Ausnahme. Die Frage, inwiefern Musik für gläubige Muslime überhaupt erlaubt ist, wird auf zwei Arten beantwortet. Auf der einen Seite stehen Muslime, die der Meinung sind, Musik ist in Ordnung, solange sie keine vulgären oder unmoralischen Inhalte transportiert. Zudem solle sie ausschliesslich Vokalmusik sein oder nur durch Schlaginstrumente begleitet werden. Die Musik solle vor allem religiöse Inhalte haben, so wie die Nasheed-Musik. Die Sufi-Schule der Tijjaniyya spielen in diesem Sinne ihre Trommeln und Tanzen bei ihren Wazifa genannten Meditationen. Die Bandiri-Trommler der Sufis spielen die Daf genannte Trommel aus Anlass von Maulud, dem Geburtstag des Propheten Muhammad.

Tijjaniyyah Bandiri Trommler bei einem Zikir wettbewerb.

Die zweite Ansicht wird von der salafistischen Schule vertreten. Ihre fundamentalistischsten Vertreter ist die Terrormiliz, die unter dem Namen Boko Haram für Schlagzeilen sorgt. Für sie ist Musik im Islam schlicht verboten. In ihrem Verständnis ist ein Grund für den moralischen Niedergang der Gesellschaft die Musik: die sich windenden Bewegungen und die Zurschaustellung ihres Körpers durch Tänzer, der zwanglose Umgang von Männern und Frauen bei Musikanlässen oder die anstössige Sprache von Sängern. Musik und gerade die Filmindustrie Kannywoods gelten ihnen als Einfallstor für unmoralisches Verhalten in die Gesellschaft Nordnigerias. Da zudem viele der älteren Musiktraditionen Wurzeln in vorislamischen Zeiten haben, gelten sie in dieser Denkschule als „heidnische“ Praktiken, so wie der Bori Besessenheitskult der Hausa, und werden somit kategorisch als unislamisch abgelehnt.

Eine Gangakura-Trommel der Hausa. Inv. Nr. III 23918a+b. Museum der Kulturen Basel
Foto (c) Völkerkundemuseum der Universität Zürich (Kathrin Leuenberger) 2019.

Die Haltung von Boko Haram zur Frage der Musik ist jedoch keineswegs eindeutig. Als die Gruppe 2009 ihren Kampf begann, nahmen viele an, ihre Ablehnung jeglicher „westlicher“ Kultur würde automatisch auch die Ablehnung jeglicher Form von Musik mit sich bringen. Ihre salafistische Position bedeutet zudem, dass andere muslimische Schulen, wie der Sufismus, der ja Musik als Mittel der Gotteserfahrung nutzt, abgelehnt werden. Tatsächlich aber nutzt Boko Haram in Propagandavideos durchaus musikalische Intros. Arabische und Hausa-Musik, in der es häufig um den kosmischen Krieg zwischen Gut und Böse geht, soll junge Menschen ermutigen, sich der Gruppe anzuschliessen.

Musiker finden sich oft im Kreuzfeuer des Kampfes zwischen den Extremisten und Regierungstruppen, ebenso wie andere Menschen in Nordnigeria. Doch erkennt man auch gezielte Angriffe auf Musiker und Trommler. Musikalische Traditionen sind in vielen Aspekten des kulturellen Lebens Nordnigerias zentral. Die Angriffe auf Musiker und die Zerstörung ihrer Instrumente ist auch ein direkter Angriff auf das soziale Gefüge der Gemeinschaften, die von der Miliz eingeschüchtert werden. Indem sie Musiker ins Visier nehmen zielen die Extremisten darauf ab, ihr tiefes kulturelles Wissen auszulöschen und so auch althergebrachte Traditionen zu zerstören.

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Header: Foto © Fatima Bukar Hassan 2018.

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Literatur

Carmen McCain, “Kannywood, the Growth of a Nigerian Language Industry” Nigerians Talk https://nigerianstalk.org/2012/10/09/kannywood-the-growth-of-a-nigerian-language-industry-carmen-mccain-2  October 9, 2012

Sada Malumfashi, “Religion and Music in Northern Nigeria” Music in Africa https://www.musicinafrica.net/magazine/religion-and-music-northern-nigeria  August 17, 2017.