Die Dùndún-Trommeln der Yórùba

Alexis Malefakis

Der Name der Dùndún-Trommel verdeutlicht bereits lautmalerisch, wie sie klingt: In der tonalen Yorùbá-Sprache wird die erste Silbe „dùn“ tief ausgesprochen, die zweite Silbe „dún“ hoch. Dùndún – die sanduhrförmige Trommel – kann nicht nur Rhythmen, sondern auch Melodien spielen. Dùndún-Trommler imitieren auf ihrem Instrument die Melodie der Sprache. So rezitieren sie Preisgedichte und Gebete oder kommentieren das Geschehen bei festlichen Anlässen.

Der Ṣẹ̀kẹ̀rẹ̀-Spieler Elesin Nla und seine Band spielen für die Kamera des Anthropologen Alexis Malefakis in Ìbàdàn, Nigeria. © Völkerkundemuseum der Universität Zürich 2019.

Die Dùndún-Trommel gehört zur Gruppe der „sprechenden Trommeln“, die in Westafrika von Senegal bis Kamerun weit verbreitet ist. Den Süden Nigerias erreichte die Trommel zusammen mit dem Islam, den die nördlichen Hausa in das Gebiet der Yorùbá einführten. In einigen Mythen der Yorùbá wird die Dùndún auch als „Trommel aus Mekka“ bezeichnet und so mit arabischer Kultur assoziiert.

Eine Gruppe von Dùndún-Trommlern spielt auf einer politischen Rally in der
Stadthalle von Ìbàdàn.
Foto © Völkerkundemuseum der Universität Zürich 2018

Anders als die Bàtá ist die Dùndún nicht in der Religion der Òrìṣà-Verehrung verwurzelt, die vielen christlichen und muslimischen Nigerianer*innen heute als rückständig gilt. Da ihr Instrument nicht mit un-islamischen und un-christlichen Praktiken assoziiert ist, werden Dùndún-Trommler häufig zu Hochzeiten, Namensgebungszeremonien für neugeborene Kinder oder zu muslimischen Festen wie Eid-el Kebir und Eid-el Fitr eingeladen und haben so bessere Verdienstmöglichkeiten als ihre Bàtá-Kollegen.

Eine Dùndún-Trommel aus der Sammlung Ulli Siebenborn / drummuseum.com
Foto © Völkerkundemuseum der Universität Zürich (Kathrin Leuenberger) 2019

Heute haben traditionelle Würdenträger, aber auch demokratisch gewählte Politiker*innen, häufig ihre persönlichen Dùndún-Ensembles. Bei öffentlichen Auftritten spielen diese die Oríkì (Preislieder) ihrer Auftraggeber*innen und verschaffen ihnen so die Aufmerksamkeit der Anwesenden. Erfolgreiche Dùndún-Trommler kennen die angesehenen Persönlichkeiten einer Stadt oder einer ganzen Region. Sie kennen ihre Familiengeschichten und die wichtigen Ereignisse in ihren Biografien. Um als professionelle Trommler Geld zu verdienen, müssen sie stets auf dem Laufenden bleiben und ihr Wissen über wichtige Geschehnisse und Persönlichkeiten aktuell halten. Nur so können sie bei öffentlichen Anlässen spontan erscheinen – häufig ohne Einladung – und durch das Spielen von Oríkì für die anwesenden Würdenträger etwas Geld verdienen.

Vor der Stadthalle warten Trommler auf eine Gelegenheit für die Gäste zu spielen
und Geld zu verdienen.
Foto © Völkerkundemuseum der Universität Zürich 2018

Dort, wo die jährlichen Festlichkeiten der Òrìṣà noch zelebriert werden, sind es heute häufig auch Dùndún-Trommler, die die charakteristischen Rhythmen und Oríkì der jeweiligen Gottheit spielen. Obwohl Dùndún-Trommeln nicht mit der alten Religion der Òrìṣà assoziiert sind, haben sie dennoch die älteren Ìgbìn-Trommelensembles abgelöst, die früher für die Òrìṣà gespielt haben.

Igbin Drums“ by n/a from the recording entitled Drums of the Yoruba of Nigeria, FW04441, courtesy of Smithsonian Folkways Recordings. (p) (c) 1953. Used by permission.
Aufnahmen der Oríkìs von Ògún und Obàtálá gespielt von einem Dùndún-Das Oríkì für Ṣàngó gespielt auf Bàtá-Trommeln. Mit freundlicher Genehmigung des Ethnologischen Museum Berlin / Andreas Meyer

Dùndún-Trommler können auf ihrem Instrument die Melodie der Sprache besser imitieren als ihre Bàtá-Kollegen. Die beiden Felle der Dùndún sind durch Streifen aus Leder verbunden. Wenn der Trommler diese spannt oder lockerlässt, während er mit den gebogenen Schlegeln auf dem Schlagfell spielt, kann er die Tonhöhe der Trommel verändern und auch Glissandi nachahmen, die im gesprochenen Yorùbá häufig vorkommen. Die zwei fixierten Tonhöhen der Bàtá-Trommel dagegen verlangen einem Trommler grosses Geschick ab, um die drei Tonhöhen des Yorùbá nachzuahmen. Ein Dùndún-Trommler kann ein weites tonales Spektrum spielen und es so den Zuhörern erleichtern, die rezitierten Oríkì, Sprichwörter oder Gebete zu verstehen.

In Dùndún-Ensembles spielt die kleine Gúdúgúdú-Trommel konstante rhythmen, über die die Dùndún-Trommel Sprichwörter, Gebete und Botschaften spielt.
Eine Gúdúgúdú-Trommel aus der Sammlung Ulli Siebenborn / drummuseum.com
Foto © Völkerkundemuseum der Universität Zürich (Kathrin Leuenberger) 2019

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Header: Foto © Völkerkundemuseum der Universität Zürich 2018

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Weiterführende Literatur

Euba, A. (1990). Yorùbá drumming. The dundun tradition. Bayreuth, Bayreuth University.

Olaniyan, Y. (2007). „Male/female dichtomoy of African drums. A guide to the instrumental organization of Yorùbá drumming.“ African Musicology 1(1): 66-76.

Omojola, B. (2012). Yorùbá music in the twentieth century. Identity, agency, and performance pratice. Rochester, University of Rochester Press.

Villepastour, A. (2010). Ancient text messages of the Yorùbá bata drum. London, New York, Routledge.