Die Bàtá-Trommeln der Yorùbá

Alexis Malefakis

Meistertrommler Lamidi Ayankunle und Angehörige seiner Familie spielen für die amerikanische Anthropologin Debra Klein während ihrer Feldforschung in Ẹ̀rin-Ọ̀sun in Südwestnigeria. Mit freundlicher Genehmigung von Debra Klein © 2007

Die musikalische Kultur der Bàtá-Trommeln mit ihren Gesängen und Tänzen gilt als eines der prominentesten Kennzeichen einer übergreifenden Yorùbá-Kultur. Die Könnerschaft von Bàtá-Trommlern ist eng verbunden mit der alten Yorùbá-Religion der Òrìṣà-Verehrung. Bei religiösen Riten rezitieren Bàtá-Trommler die Geschichte der jeweiligen Òrìṣàs und richten Gebete an sie.

Lamidi Ayankunle (vorne) mit Angehörigen seiner Familie.
Foto © 2005 Debra Klein

Dem nigerianischen Musikwissenschaftler Ademola Adegbite zufolge hat jede und jeder der über tausend Òrìṣàs einen spezifischen Rhythmus und eigene Preisgesänge und Tänze. Sie werden von spezialisierten Bàtá-Familien bewahrt. Innerhalb dieser Familien werden die Trommelrhythmen unter den männlichen Nachkommen von Generation zu Generation weitergegeben, während die weiblichen Familienangehörigen die Gesänge und Tänze erlernen, die zu den Repertoires der verschiedenen Òrìṣàs gehören.

Lamidi Ayankunle (1949 – 2018) war ein Bàtá-Meistertrommler aus Ẹ̀rin-Ọ̀sun im Südwesten Nigerias. Seine Grossfamilie gilt als wichtiges Trommler-Geschlecht, das die musikalische und spirituelle Kultur der Bàtá-Trommeln bewahrt und weiterentwickelt. Die amerikanische Anthropologin Debra Klein arbeitete seit den 1990er Jahren eng mit Lamidi Ayankunle und seiner Familie zusammen. Sie beschrieb die Ayankunle-Familie als ein Beispiel dafür, wie die Bàtá-Tradition von Generation zu Generation neu erfunden wird.

Das Oríkì von Ṣàngó gespielt von Lamidi Ayankunle und seinem Ensemble bei einem Aufenthalt 1987 in Berlin Mit freundlicher Genehmigung des Ethnologischen Museums Berlin /
Andreas Meyer
Das Oríkì von Ogun gespielt von Lamidi Ayankunle und seinem Ensemble bei einem Aufenthalt 1987 in Berlin. Mit freundlicher Genehmigung des Ethnologischen Museums Berlin /
Andreas Meyer

Lamidi Ayankunle und andere Trommler seiner Generation konnten sich, so Klein, während der Zeit der nigerianischen Unabhängigkeit als Trommler etablieren. Obwohl sie sich zum Islam bekennen, praktizieren und lehren sie die musikalischen und rhythmischen Repertoires der Bàtá und verstehen sich als Vertreter der „klassischen“ Tradition, die sie für die kommenden Generationen bewahren möchten.

Zur Zeit der Militärdiktaturen von Muhammadu Buhari und Ibrahim Babangida in den 1980er Jahren konnte Lamidi Ayankunle Beziehungen zu Musikern in den USA und in Europa knüpfen und sich in der neu entstehenden „World Music“-Szene als traditioneller Bàtá-Trommler einen Namen machen. Er unterrichtete auch am Department of Performing Arts der Universität von Ifè, wurde zu einem gefragten Experten für Yorùbá-Kultur und arbeitete mit zahlreichen internationalen Wissenschaftler*innen zusammen.

Zu den als „traditionell“ bezeichneten Repertoires der Bàtá-Trommel gehört eine Vielzahl von Sprechweisen. Trommler wie Lamidi Ayankunle können auf ihrem Instrument Oríkì-Preisgesänge, Grussformeln und Gebete rezitieren oder auch provokante Kommentare zu einer Situation abgeben. Oríkì-Preisgesänge bewahren die Erinnerung an Persönlichkeiten, Ereignisse und Taten, die von der Gemeinschaft als wichtig erachtet werden. Oríkì können die Charaktereigenschaften einer ehrwürdigen Person preisen und deren Familienabstammung rezitieren, aber auch unbelebte Dinge, sowie Orte oder Städte lobpreisen. Die wichtigsten Themen sind die Òrìṣàs und die Ahnen, deren Eigenschaften und Taten in poetischen Formeln zitiert werden. So sind Bàtá-Trommler und ihre Familien vor allem auch wichtige Bewahrer mündlich überlieferter Geschichte: von Familiengenealogien, Biografien und Narrativen.

Bàtá-Trommeln werden in Ensembles gespielt, die als Familien konzipiert werden. Die grösste Trommel im Ensemble ist die „Muttertrommel“ Ìyá Ìlù. Sie wird von der Ẹ̀jìn begleitet, einer Trommel von ähnlicher Grösse, die einen regelmässigen tiefen Grundrhythmus liefert. Sie kann aber auch einmal mit der Ìyá Ìlù die Rollen tauschen, wenn es die Performance verlangt. Die Omele Abo ist eine begleitende Trommel, deren Stimme als weiblich gilt. Sie führt Gespräche mit der Muttertrommel, wenn sie komplementäre Rhythmen zu den Rhythmen der Ìyá Ìlù spielt. Sie kann aber auch die Stimme der Muttertrommel doppeln und so die zitierten Sprichwörter unterstützen. Die Omele Akọ gilt als männliche Begleittrommel. Gemeinsam mit der Omele Kúdí, der „Kinderstimme“ im Ensemble, spielt sie regelmässige rhythmische Figuren, welche die Musik in Bewegung halten.

Insgesamt ist die Verehrung der Òrìṣàs in Nigeria in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgegangen. Unter dem Einfluss von Islam und Christentum mussten Bàtá-Trommler die Relevanz ihrer Könnerschaft ständig neu behaupten und dabei ihre rituellen Repertoires an sich verändernde Situationen anpassen. Fast alle Bàtá-Trommler identifizieren sich heute als Muslime und ihre musikalischen Praktiken sind häufig vom Islam geprägt. Die meisten Trommler verdienen ihr Geld jetzt als Musiker bei sozialen Anlässen wie Hochzeiten und Beerdigungen, sowohl von Christ*innen als auch von Muslim*innen. Die sakralen Repertoires von Rhythmen und poetischen Formeln der Òrìṣà-Verehrung werden bei solchen Anlässen immer weniger nachgefragt.

Die Generation von Lamidi Ayankunle’s Kindern beschreibt Debra Klein als die „Bàtá Fújì Generation“. Aufgewachsen in den 1980er und 1990er Jahren während zwei Militärdiktaturen, waren sie gefordert, die Relevanz ihrer Könnerschaft als Bàtá-Trommler ständig neu zu beweisen. Sie hatten weniger Gelegenheit als die Generation ihrer Eltern, sich international als Bàtá-Trommler zu etablieren. Doch sie schafften es, die Bàtá-Trommel als wichtigen Bestandteil vieler säkularer Festlichkeiten zu etablieren. Dabei stehen sie jedoch nicht selten in Konkurrenz zu Dùndún-Trommlern.
Die sanduhrförmige Dùndún ist eine weit verbreitete sprechende Trommel, die ebenfalls bei sozialen Anlässen gespielt wird, um Ehrengäste zu preisen und Gebete zu sprechen. Da sie allerdings nicht eindeutig mit einem der alten Òrìṣàs assoziiert wird, ist sie bei den mehrheitlich christlichen und muslimischen Auftraggeber*innen der Musiker beliebter als die Bàtá, die vielen als aus der Zeit gefallen erscheint. Zudem hat die Dùndún der Bàtá gegenüber den Vorteil, die tonale Sprache der Yorùbá besser imitieren zu können.

Im Video spricht Lamidi Ayankunle über die Bedeutung der Bàtá für seine Familie:
„Yoruba Bata. A Story of a Nigerian Drum and Dance Tradition”
Mit freundlicher Genehmigung von Debra Klein © 2007

In vielen urbanen Zentren wie den Millionenmetropolen Lagos oder Ìbàdàn haben sich Bàtá-Trommler Bands angeschlossen, die populäre Musik wie Fújì, Jùjú, Highlife und Afrobeat spielen. So haben einige Bàtá-Trommler der jüngeren Generation neue Verdienstmöglichkeiten ausserhalb der „traditionellen“ Zusammenhänge gefunden.

In der transatlantischen afrikanischen Diaspora hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine neu interessierte Zuhörerschaft der Bàtá-Musik gefunden. Seit der Verschleppung von Afrikaner*innen in die sogenannte „Neue Welt“ haben sich in Lateinamerika und der Karibik religiöse Praktiken mit starkem Bezug zur Òrìṣà-Verehrung herausgebildet. In den religiösen Praktiken des Candomblé in Brasilien und des Santéria in Kuba werden Trommelrhythmen, Gesänge und Tänze der Yorùbá  mit Elementen christlicher und indigen-amerikanischer religiöser Praktiken kombiniert.

Seit den 1990er Jahren zeigen viele religiöse Praktiker*innen in Lateinamerika, den USA und der Karibik ein verstärktes Interesse an den „authentischen“ westafrikanischen Wurzeln ihres Glaubens. Einige Gemeinschaften in der Diaspora streben nach einer Revitalisierung ihres afrikanischen Erbes. Sie gehen dabei zurück an die Quellen der Yorùbá-Kultur in Nigeria. Dieses Interesse von Priester*innen und religiösen Praktiker*innen aus Übersee hat auch in Nigeria zu einer stückweisen Revitalisierung der Òrìṣà-Traditionen und zur Herausbildung transatlantischer Netzwerke von religiösen Expert*innen geführt.

Zugleich hat das Ende der Militärregierung in Nigeria in den späten 1990er Jahren vielen Künstler*innen und Musiker*innen Möglichkeiten eröffnet, für den Staat und für Regierungsinstitutionen zu arbeiten. Genauso wie traditionelle Könige und andere Autoritäten beauftragen heute auch einige Politiker*innen Bàtá-Ensembles und Künstler, um ihre Botschaft und ihre Person bekannt zu machen. Diese Aufwertung kultureller Ressourcen hat dazu geführt, dass in einigen Teilen Nigerias Bàtá-Musik heute eine erhöhte öffentliche Sichtbarkeit und Relevanz hat.  

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Header: Foto © Debra Klein 2005

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Weiterführende Literatur

Klein, D. (2007). Yorùbá Bátà goes global: Artist, cultural brokers, and fans. Chicago, London, University of Chicago Press.

Klein, D. (2011). Lamidi Ayankunle. Dictionary of African Biography. H. L. J. Gates  and E. K. Akyeampong. New York, Oxford University Press.

Omojola, B. (2012). Yorùbá music in the twentieth century. Identity, agency, and performance pratice. Rochester, University of Rochester Press.

Villepastour, A. (2010). Ancient text messages of the Yorùbá  bata drum. London, New York, Routledge.

Villepastour, A. (2015). Asoro Igi (Wood that talks). The Yorùbá  god of drumming. Transatlantic perspectives on the wood that talks. A. Villepastour. Jackson, Mississippi, University Press of Mississippi: 3-32.